Wolle frisch vom Schaf kann sehr unterschiedlich viel Lanolin enthalten – von fast sauber bis regelrecht fettgetränkt. Wer mit Rohwolle arbeitet, sei es fürs Spinnen, Filzen oder für die Reinigung, profitiert davon, die Lanolinmenge grob einschätzen zu können. Ich zeige dir drei einfache Tests, die du zuhause ohne teure Laborgeräte durchführen kannst. Sie ergänzen sich gut und geben zusammen ein verlässliches Bild.
Warum die Lanolinmenge wichtig ist
Lanolin beeinflusst Verarbeitung, Lagerung und Reinigung. Viel Lanolin macht die Faser schmutzabweisend, kann jedoch das Spinnen erschweren, führt zu klebrigen Karden und verfälscht Farbergebnisse beim Färben. Bei geringerem Lanolinbedarf brauchst du weniger Waschgang, sparst Wasser und Seife. Meine Tests helfen dir, Entscheidungen zu treffen: intensives Waschen, Vorbehandlung oder nur leichtes Aufarbeiten.
Was du brauchst (Grundausstattung)
Für die drei Tests brauchst du wenig Material. Ich habe oft diese Dinge im Haus oder in der Werkstatt:
Test 1: Sicht- und Fühlprüfung + Fleckentest
Dieser Test ist schnell und gibt eine erste grobe Einschätzung.
Interpretation (Orientierungswerte):
| Beobachtung | Wahrscheinlicher Lanolingehalt |
|---|---|
| Kein sichtbarer Fleck, trockener Griff | Sehr gering (< 2 %) |
| Leichter Glanz, schwacher Fleck | Moderat (2–6 %) |
| Starker Glanz, klebrig, deutlicher öliger Fleck | Hoch (> 6–10 %) |
Test 2: Lösungsmittel-Extraktion (Quick-Solvent-Test)
Dieser Test löst das Lanolin recht zuverlässig und gibt dir eine numerischere Einschätzung – ohne Labor, aber mit Vorsicht.
Auswertung:
Hinweis: Der Test kann auch etwas Schmutz lösen; dennoch ist das Ergebnis eine verlässliche Näherung des Lanolinanteils. Bei sehr schmutziger Wolle solltest du zusätzlich den Fleckentest und weiteren Waschtest heranziehen.
Test 3: Einfacher Seifen-Waschtest mit Wiegen
Dieser Test simuliert die Praxis: wieviel Fett entfernt ein normalen Wollwaschgang?
Auswertung:
Praxis-Tipp: Wenn nach einem Waschgang noch Fettrückstände vorhanden sind, spricht das für hohen Lanolingehalt – mehrere Waschgänge oder Vorentfettung (z. B. mit Lösungsmittel oder speziellen Lanolinentfernern) sind dann sinnvoll.
Wie du die Ergebnisse zusammen interpretierst
Kein einzelner Test ist perfekt. Ich vergleiche die drei Ergebnisse:
Wenn alle drei Tests konsistent sind, hast du eine verlässliche Zahl. Beispiel: Fleckentest deutet auf starkes Fett, Lösungsmittel zeigt 8 % und Waschtest entfernt nur 4 % → die restlichen ~4 % sind in der Faser verhaftet und benötigen intensivere Vorbehandlung, falls du eine saubere, filigrane Faser brauchst.
Sicherheit und Umwelt
Lösungsmittel sind praktisch, aber mit Vorsicht zu nutzen: gute Belüftung, Handschuhe und kein offenes Feuer. Entsorge gebrauchte Lösungsmittel nicht ins Abwasser; sammle sie und gib sie beim kommunalen Schadstoffhof ab. Für viele Anwendungen genügt ein gut dosierter Seifenwaschgang — besonders wenn du das Lanolin behalten möchtest (z. B. zur eigenen Lanolingewinnung für Salben).
Praktische Beispiele aus meiner Arbeit
Bei einem Vlies aus Herdwick-Schafen habe ich mit dem Lösungsmitteltest ~9 % ermittelt; nach zwei seichten Seifenwäschen blieb noch rund 4 % – die Fasern wirkten dafür sehr geschmeidig. Bei Merinovlies aus einer extensiv gehaltenen Herde lag der Lösungsmittelextrakt bei nur 3 % und war mit einem einzigen Schonwaschgang praktisch verschwunden. Solche Zahlen helfen mir, vor der Verarbeitung zu entscheiden, ob ich Kardiermaschinen vorreinige oder eine Vorentfettung per Lösungsmittel plane.
Wenn du möchtest, kann ich dir ein einfaches Excel‑Template zur Berechnung der Prozentangaben schreiben oder eine kurze Checkliste für deinen ersten Test vorbereiten. Schreib mir gern, welche Wolle du gerade vor dir hast – ich helfe dir bei der Interpretation.