Wolle frisch vom Schaf kann sehr unterschiedlich viel Lanolin enthalten – von fast sauber bis regelrecht fettgetränkt. Wer mit Rohwolle arbeitet, sei es fürs Spinnen, Filzen oder für die Reinigung, profitiert davon, die Lanolinmenge grob einschätzen zu können. Ich zeige dir drei einfache Tests, die du zuhause ohne teure Laborgeräte durchführen kannst. Sie ergänzen sich gut und geben zusammen ein verlässliches Bild.

Warum die Lanolinmenge wichtig ist

Lanolin beeinflusst Verarbeitung, Lagerung und Reinigung. Viel Lanolin macht die Faser schmutzabweisend, kann jedoch das Spinnen erschweren, führt zu klebrigen Karden und verfälscht Farbergebnisse beim Färben. Bei geringerem Lanolinbedarf brauchst du weniger Waschgang, sparst Wasser und Seife. Meine Tests helfen dir, Entscheidungen zu treffen: intensives Waschen, Vorbehandlung oder nur leichtes Aufarbeiten.

Was du brauchst (Grundausstattung)

Für die drei Tests brauchst du wenig Material. Ich habe oft diese Dinge im Haus oder in der Werkstatt:

  • Kleine Küchenwaage (Genauigkeit 0,1 g)
  • Sauberes, saugfähiges Papier oder Filterpapier
  • Isopropylalkohol (70–99 %) oder reines Ethanol / Reinigungsalkohol – alternativ Waschbenzin nur bei guter Belüftung
  • Handschuhe, Schutzbrille, gut belüfteter Raum
  • Trockene Rohwolle (angewindelt) und ein kleines Glas
  • Milde Wollseife (z. B. Sonett) für Test 3
  • Test 1: Sicht- und Fühlprüfung + Fleckentest

    Dieser Test ist schnell und gibt eine erste grobe Einschätzung.

  • Wähle ein Stück Rohwolle aus der Mitte eines Vlieses (nicht nur die Spitzen oder den Kopfbereich).
  • Ziehe eine kleine Strähne (ca. 1–2 g) heraus und reibe sie zwischen Daumen und Handballen.
  • Achte auf Glanz, Klebrigkeit und das Gefühl: sehr fettige Wolle fühlt sich ölig und leicht klebrig an; wenig Lanolin fühlt sich trocken und faserig an.
  • Fleckentest: Drücke mit der Strähne auf ein weißes Filterpapier oder Küchenpapier und reibe leicht. Bleibt ein öliger, transparent-schmieriger Fleck zurück, deutet das auf höheren Lanolingehalt hin.
  • Interpretation (Orientierungswerte):

    BeobachtungWahrscheinlicher Lanolingehalt
    Kein sichtbarer Fleck, trockener GriffSehr gering (< 2 %)
    Leichter Glanz, schwacher FleckModerat (2–6 %)
    Starker Glanz, klebrig, deutlicher öliger FleckHoch (> 6–10 %)

    Test 2: Lösungsmittel-Extraktion (Quick-Solvent-Test)

    Dieser Test löst das Lanolin recht zuverlässig und gibt dir eine numerischere Einschätzung – ohne Labor, aber mit Vorsicht.

  • Wiege eine kleine Menge Rohwolle (z. B. 2,0 g) genau mit deiner Küchenwaage und notiere das Gewicht.
  • Lege die Wolle in ein kleines Glas und gieße gerade so viel Isopropylalkohol (IPA) oder Ethanol dazu, dass die Wolle bedeckt ist. Vorsicht: beide sind brennbar. Kein offenes Feuer, gute Belüftung.
  • Verschließe das Glas locker, schüttle es vorsichtig für 1–2 Minuten, lasse es 10 Minuten ruhen und schüttle erneut. Dadurch löst sich das Lanolin in der Alkoholphase.
  • Gieße den Alkohol vorsichtig ab (durch ein Sieb) und lasse die Wolle auf Küchenpapier trocknen an der Luft. Wiege die Wolle erneut, sobald sie vollständig trocken ist.
  • Auswertung:

  • Gewichtsverlust = gelöstes Material (Lanolin + ggf. anhaftender Schmutz). In der Regel ist der Großteil Lanolin.
  • Beispielrechnung: Anfangs 2,00 g – nach Lösungsmittelbehandlung 1,86 g → Gewichtsverlust 0,14 g → Lanolinanteil ≈ 7 %.
  • Hinweis: Der Test kann auch etwas Schmutz lösen; dennoch ist das Ergebnis eine verlässliche Näherung des Lanolinanteils. Bei sehr schmutziger Wolle solltest du zusätzlich den Fleckentest und weiteren Waschtest heranziehen.

    Test 3: Einfacher Seifen-Waschtest mit Wiegen

    Dieser Test simuliert die Praxis: wieviel Fett entfernt ein normalen Wollwaschgang?

  • Wiege wieder eine definierte Menge Rohwolle (z. B. 5,00 g).
  • Bereite warmes Wasser (ca. 30–40 °C) und eine kleine Menge milder Wollseife vor. Keine starke Reibung, lieber sanftes Eintauchen und ruhen lassen.
  • Lege die Wolle 10–15 Minuten in das Seifenbad, drücke behutsam, vermeide Rubbeln. Spüle in klarem Wasser mit ähnlicher Temperatur.
  • Ziehe vorsichtig Wasser aus der Wolle (nicht wringen) und lasse an der Luft trocknen. Wiege erneut.
  • Auswertung:

  • Gewichtsverlust zeigt, wie viel Fett/Schmutz durch einen normalen Waschgang entfernt wurde. Rechne wie oben Prozentuale Angabe.
  • Praxis-Tipp: Wenn nach einem Waschgang noch Fettrückstände vorhanden sind, spricht das für hohen Lanolingehalt – mehrere Waschgänge oder Vorentfettung (z. B. mit Lösungsmittel oder speziellen Lanolinentfernern) sind dann sinnvoll.

    Wie du die Ergebnisse zusammen interpretierst

    Kein einzelner Test ist perfekt. Ich vergleiche die drei Ergebnisse:

  • Test 1 (optisch/taktil) = schnelle Einschätzung
  • Test 2 (Lösungsmittel) = genauere Schätzung des tatsächlichen Fetts
  • Test 3 (Seifenwaschtest) = praxisrelevanter Wert für den Waschaufwand
  • Wenn alle drei Tests konsistent sind, hast du eine verlässliche Zahl. Beispiel: Fleckentest deutet auf starkes Fett, Lösungsmittel zeigt 8 % und Waschtest entfernt nur 4 % → die restlichen ~4 % sind in der Faser verhaftet und benötigen intensivere Vorbehandlung, falls du eine saubere, filigrane Faser brauchst.

    Sicherheit und Umwelt

    Lösungsmittel sind praktisch, aber mit Vorsicht zu nutzen: gute Belüftung, Handschuhe und kein offenes Feuer. Entsorge gebrauchte Lösungsmittel nicht ins Abwasser; sammle sie und gib sie beim kommunalen Schadstoffhof ab. Für viele Anwendungen genügt ein gut dosierter Seifenwaschgang — besonders wenn du das Lanolin behalten möchtest (z. B. zur eigenen Lanolingewinnung für Salben).

    Praktische Beispiele aus meiner Arbeit

    Bei einem Vlies aus Herdwick-Schafen habe ich mit dem Lösungsmitteltest ~9 % ermittelt; nach zwei seichten Seifenwäschen blieb noch rund 4 % – die Fasern wirkten dafür sehr geschmeidig. Bei Merinovlies aus einer extensiv gehaltenen Herde lag der Lösungsmittelextrakt bei nur 3 % und war mit einem einzigen Schonwaschgang praktisch verschwunden. Solche Zahlen helfen mir, vor der Verarbeitung zu entscheiden, ob ich Kardiermaschinen vorreinige oder eine Vorentfettung per Lösungsmittel plane.

    Wenn du möchtest, kann ich dir ein einfaches Excel‑Template zur Berechnung der Prozentangaben schreiben oder eine kurze Checkliste für deinen ersten Test vorbereiten. Schreib mir gern, welche Wolle du gerade vor dir hast – ich helfe dir bei der Interpretation.