Als jemand, die jahrelang mit Schafen gearbeitet und sich mit der Verarbeitung von Wolle beschäftigt hat, stelle ich mir oft die einfache Frage: Wie viel CO2 spare ich wirklich, wenn ich regionale Schurwolle kaufe? Die Antwort ist nicht schwarz‑weiß, aber sie lässt sich praxisnah und nützlich aufschlüsseln – für Einkäuferinnen, Produzenten und alle, die bewusst entscheiden wollen.
Worauf kommt es bei einer Klimabilanz von Wolle an?
Bevor wir in Zahlen springen: Eine Klimabilanz (oder LCA – Life Cycle Assessment) für Wolle umfasst mehrere Lebensphasen. Typischerweise zählen dazu:
Für regionale Schurwolle verändert sich vor allem der Anteil für Transport, aber auch Tierhaltungspraktiken, Weidebewirtschaftung und regionale Verarbeitung spielen eine große Rolle.
Typische CO2e‑Spannen: realistische Richtwerte
Es gibt zahlreiche Studien mit unterschiedlichen Annahmen. Ich arbeite hier mit praxisnahen, konservativen Schätzungen, die in der Feldarbeit Sinn machen. Die Werte sind gerundet und beziehen sich auf CO2‑Äquivalente pro Kilogramm verkaufsfertiger Rohwolle (nach dem Einschluss der üblichen Verarbeitungs‑Schritte, nicht auf fertige Kleidungsstücke):
| Material / Szenario | CO2e (kg / kg Wolle) | Bemerkungen |
|---|---|---|
| Regionale biologische Schurwolle (extensive Weidewirtschaft) | 8 – 15 | Geringere Eingriffe, lokale Verarbeitung, mögliche Kohlenstoffbindung in Böden reduziert Nettoemissionen. |
| Konventionelle EU‑Wolle (gemischte Praxis) | 12 – 25 | Intensivere Fütterung, teils weitere Transporte, standardisierte Verarbeitung. |
| Australische Industrie‑Wolle (Export) | 15 – 30 | Lange Transportwege, oft industriell geprägte Haltungsformen, variabler Einsatz von Inputs. |
| Polyester (synthetische Faser, Vergleichsmaßstab) | 25 – 60 | Auf fossilen Rohstoffen basierend, hoher Energiebedarf bei Herstellung; Mikroplastikproblem nicht berücksichtigt. |
Wichtig: Diese Zahlen sind Orientierungen. Studien variieren stark, weil Allocation‑Methoden (z. B. ob Woll‑Emissionen anteilig auf Fleisch oder auf Wolle verteilt werden), regionale Futtergrundlagen und Bodenbindungs‑Effekte unterschiedlich berücksichtigt werden.
Warum regionale Schurwolle oft klimafreundlicher ist
Aus meiner Erfahrung reduzieren sich CO2e‑Werte bei regionaler Wolle vor allem durch diese Faktoren:
Wo die Einsparung begrenzt ist
Trotz regionaler Vorteile bleibt ein Hemmnis: Schafe produzieren Methan. Dieses ist ein klimarelevantes Gas, und je nach Zuchtleistung und Schafdichte beeinflusst es die Bilanz stark. Außerdem ist die Wollmenge pro Tier begrenzt: Bei niedriger Produktivität verteilt sich die Emissionslast auf weniger Kilogramm Wolle und treibt so die CO2e pro kg hoch.
Praktische Beispiele aus der Praxis
Ich habe mit mehreren Höfen gearbeitet und echte Werte gesehen: Ein biozertifizierter Hof, der seine Wolle in einer regionalen Wascherei aufbereiten lässt und das Garn in einer kleinen Spinnerei verarbeiten lässt, kommt in meiner Kalkulation oft auf unter 12 kg CO2e/kg. Ein Industriehof mit intensiver Fütterung, Export nach Australien und industrielle Verarbeitung landet eher bei 20+ kg CO2e/kg.
Was Einkäuferinnen und Produzenten konkret tun können
Hier meine praktischen Empfehlungen, die sich direkt umsetzen lassen:
Rechenbeispiel: Wie viel spare ich bei regionaler Wolle?
Angenommen du kaufst 10 kg Rohwolle für eine Kollektion:
Ergebnis: ~130 kg CO2e Einsparung für diese 10 kg – ein signifikanter Unterschied, besonders wenn du regelmäßig nachkaufst oder größere Mengen verarbeitest.
Was ich Produzenten besonders ans Herz lege
Als Produzentin rate ich: Investiere in transparente Datenhaltung (z. B. einfache CO2‑Bilanz für deinen Betrieb), verbessere das Weidemanagement und vernetze dich mit regionalen Veredlern. Kleine Investitionen in effiziente Wasch‑ und Trockentechnik zahlen sich oft schnell in geringeren Emissionen aus. Kooperationen mit Werkstätten wie lokalen Spinnereien stärken zudem regionale Kreisläufe – ich arbeite gern mit solchen Netzwerken und sehe den Mehrwert deutlich.
Fragen, die du beim Kauf stellen solltest
Wenn du möchtest, kann ich dir bei der Bewertung von Lieferanten helfen oder ein einfaches Check‑Sheet erstellen, das du bei Verhandlungen nutzen kannst. Gemeinsam lässt sich viel bewegen – angefangen bei der bewussten Materialwahl bis hin zur klimafreundlichen Gestaltung deiner Lieferkette.