Als jemand, die viel Zeit auf Höfen, in Werkstätten und bei Zertifizierungsstellen verbringt, bekomme ich immer wieder die Frage: Wie finde und bewerte ich kleine Zertifizierungsstellen (z. B. regionale Siegel)? Kleine Labels können großartige Transparenz und Regionalität bieten – aber sie bringen auch Unsicherheiten: Sind sie glaubwürdig? Wie teuer sind Audits? Welche Fragen sollte ich stellen? In diesem Artikel teile ich meine Praxiserfahrungen, Checklisten und konkrete Auditfragen, damit du mit kritischem Blick und gesundem Vertrauen entscheiden kannst.

Warum regionale oder kleine Siegel überhaupt in Betracht ziehen?

Große, internationale Zertifikate wie GOTS oder OEKO-TEX haben ihre Berechtigung. Sie bieten weithin anerkanntes Vertrauen. Kleine oder regionale Siegel können jedoch näher an lokalen Realitäten sein: Sie berücksichtigen regionale Produktionsbedingungen, kurze Lieferketten, Tierwohlaspekte, traditionelle Handwerkskompetenzen und oft soziale Belange in der Region. Außerdem sind sie flexibler und können schneller auf lokale Problemlagen reagieren. Ich habe beispielsweise erlebt, wie ein regionales Schafzertifikat innerhalb eines Jahres Kontrollelemente anpasste, um saisonale Weidepraktiken korrekt abzubilden — das wäre bei einem globalen Standard schwerer gewesen.

Erste Schritte: Wie ich eine Zertifizierungsstelle finde

Ich beginne meistens mit diesen Quellen:

  • Netzwerke von Schäfer*innen, Manufakturen und lokalen Verbänden (z. B. regionaler Wollverbände).
  • Empfehlungen aus Workshops und Fachmessen (z. B. Wollmessen, Nachhaltigkeitskongresse).
  • Online-Recherche: Webseiten der Zertifizierer, Transparenzberichte und öffentlich zugängliche Audit-Reports.
  • Soziale Medien und Gruppen, in denen Praktiker*innen Erfahrungen teilen.
  • Wichtig ist: Suche nach Dokumentation. Seriöse Stellen veröffentlichen Prüfmethoden, Auditkriterien und idealerweise vergangene Auditberichte (anonymisiert).

    Checkliste Vertrauen: Woran ich die Glaubwürdigkeit einer kleinen Stelle messe

    Diese Punkte sind für mich zwingend, bevor ich Vertrauen aufbaue:

  • Transparenz: Sind Auditkriterien, Ablauf und Kosten öffentlich einsehbar?
  • Unabhängigkeit: Wer finanziert die Stelle? Gibt es Interessenkonflikte zwischen Prüfenden und Prüfgegenständen?
  • Kompetenz: Welche Qualifikationen haben Auditor*innen (z. B. agrarwissenschaftliche Ausbildung, Textilkenntnisse, Erfahrung mit Tierhaltung)?
  • Methodik: Wird mit Stichproben, Vor-Ort-Audits, Dokumentenprüfung und Interviews gearbeitet?
  • Beschwerdemechanismen: Gibt es ein Verfahren für Beschwerden und Sanktionen?
  • Rückverfolgbarkeit: Kann die Zertifizierungsstelle die Lieferketten nachvollziehen (z. B. Betriebsnummern, Lieferscheine)?
  • Kooperation: Arbeitet die Stelle mit Veterinärämtern, Landwirtschaftskammern oder Hochschulen zusammen?
  • Reputation: Was sagen regionale Betriebe, Handwerksbetriebe und NGOs?
  • Prüfen der Kostenstruktur: Was Audits kosten und worauf ich achte

    Kleine Stellen haben oft kleinere Fixkosten, aber die Kostenverteilung kann variieren. Diese Tabelle zeigt typische Posten, die ich vergleiche:

    Kostenposten Was ich wissen will
    Registrierungsgebühr Einmalig? Höhe und Zweck der Gebühr klar? Wird sie bei Ablehnung erstattet?
    Auditgebühr Stundensatz oder Pauschale? Sind Reisekosten inkludiert?
    Folgeaudits und Überwachung Intervalle (jährlich, zweijährlich)? Kosten für Überraschungsaudits?
    Entwicklungs- und Schulungskosten Bietet die Stelle Beratung oder Trainings an – kostenpflichtig?
    Lizenzgebühren Gibt es jährliche Lizenz- oder Logo-Gebühren für die Nutzung des Siegels?

    Ich frage immer nach einem vollständigen Kostenvoranschlag mit Beispielrechnungen für typische Betriebe (z. B. 50 Schafe, kleine Spinnerei). So vermeide ich Überraschungen.

    Auditfragen: Welche Fragen ich in Vorbereitung stelle (Checklist zum Mitnehmen)

    Wenn ich zu einem Audit eingeladen bin oder ein Zertifikat prüfen möchte, bereite ich diese Fragen vor:

  • Wie sieht der Auditablauf genau aus (Dauer, beteiligte Personen)?
  • Welche Dokumente muss ich bereithalten (Bestandslisten, Futterrechnungen, Verkaufsbelege, Handlungsprotokolle)?
  • Welche Stichprobengröße wird gewählt und wie werden Proben selektiert?
  • Wie wird das Tierwohl vor Ort bewertet (Visuelle Checks, Dokumentation von Geburten, Tiergesundheitsakten)?
  • Welche Kontrollmechanismen gibt es gegen Betrug (z. B. Cross-Checks mit Schlacht- oder Verarbeitungsbetrieben)?
  • Wie wird die Kette von der Faser bis zum Endprodukt nachvollzogen?
  • Welche Sanktionen drohen bei Nicht-Konformität und wie ist das Nachbesserungsverfahren?
  • Gibt es eine Übergangsphase für Betriebe, die Standards noch nicht vollständig erfüllen?
  • Wie werden kleine Betriebe oder saisonale Produktionsschwankungen berücksichtigt?
  • Praktische Tipps aus der Praxis

    Aus meinen Projekten weiß ich: gute Beziehungen sind wichtig, aber keine Garantie. Deshalb folge ich diesen Regeln:

  • Besuche mehrere zertifizierte Betriebe, um die Umsetzung zu sehen. Beschwerden über ein Siegel sprechen oft Bände.
  • Prüfe, ob die Zertifizierungsstelle Fortbildungen anbietet — das zeigt Investition in Qualitätsentwicklung.
  • Frag nach Referenzen und rufe mindestens zwei Betriebe an, die zertifiziert wurden.
  • Vergleiche Auditberichte, wenn möglich. Einheitliche Mängelübersichten zeigen, wo ein Standard eventuell lückenhaft ist.
  • Berücksichtige Synergien: Manchmal ist eine Kombination aus regionalem Siegel und einem anerkannten Standard (z. B. Bio oder GOTS) sinnvoll.
  • Was ich selbst tun würde, bevor ich ein regionales Siegel empfehle

    Bevor ich ein Siegel auf Campaignforwool empfehle oder mit ihm arbeite, kläre ich folgende Punkte persönlich:

  • Nachvollziehbarkeit: Kann die gesamte Lieferkette erschlossen werden?
  • Konsequente Dokumentation: Gibt es Auditberichte mindestens der letzten zwei Jahre?
  • Externe Bewertungen: Hat eine unabhängige Stelle (z. B. Universität, NGO) die Methodik geprüft?
  • Langfristiges Modell: Ist die Stelle finanziell und organisatorisch stabil?
  • Wenn diese Punkte zufriedenstellend sind, kann ein kleines, regionales Siegel ein starkes Instrument für Transparenz und Nachhaltigkeit sein — gerade für Konsument*innen, die Wert auf Regionalität, Handwerk und Tierwohl legen.

    Wenn du möchtest, schaue ich mir gern konkrete Siegel oder Auditunterlagen an und gebe eine Einschätzung — schick mir die Links oder Dokumente, und ich beantworte die wichtigsten Fragen dazu.